Der Schatten Freejas

geschrieben von Cosmo Jasra

Kapitel 1

Erster Dezember. Wenn der Weihnachtsstress nicht schon bereits früher eingesetzt hat, dann spätestens jetzt. Ich saß auf meinem bequem gepolsterten Bürostuhl im ersten Stock und blickte aus dem an der Seitenwand befindlichen Fenster. Der Winter war bereits völlig über den Kontinent Freeja eingebrochen. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und jedes Stück Gras, sowie alle Häuser welche ich sah gingen im Schnee völlig unter. Akustisch wurde die Ruhe, die ein solch dichter Schneefall normalerweise vermittelt, durch die verschiedensten Arten den Schnee zu bekämpfen durchbrochen. Zum Einen durch ungefähr zehn Leute die gleichzeitig Schnee schaufelten und zum Anderen durch das Piepen und den Motorenlärm der Schneeraupe welche das Rathaus des öfteren passierte. Trotzdem versank ich regelrecht in dieser optischen und akustischen Winterstimmung, was wohl auch daran liegen mag dass der Winter zu meinen Lieblingsjahreszeiten gehört. Plural deshalb, weil ich mich nach so ziemlich jeder anderen Jahreszeit sehne wenn mir die aktuelle aus dem Hals raushängt. Egal ob es sich dabei um die frostige Kälte des Winters oder die stickige Hitze des Sommers handelt. Freeja war dafür bekannt alle vier Jahreszeiten in einer gewissen Extreme zu durchlaufen.

Ruckartig wurde ich aus meinen Gedanken über den Winter und die Jahreszeiten an sich gerissen, als ein lautes hölzernes Klopfen den Raum durchdrang. „Ja?“, rief ich in einer Lautstärke die sicherstellte dass die Person an der anderen Seite der Tür mich hört. Die relativ große, alte Tür öffnete sich und Sarah, meine Sekretärin, trat herein. „Ich habe hier etwas für dich dass dich bestimmt freuen wird.“, sagte sie mit einem leichten Grinsen auf den Lippen als ich Blickkontakt mit ihr aufbaute. Sie ging über den alten Holzboden, auf dem sich ein rechteckiger weinrot-blauer Teppich befand, auf meinen Schreibtisch zu. In ihrer Hand hielt sie einen Zettel auf dem ich einige mit Füllfeder geschriebene Sätze sowie mit Buntstift gekritzelte Zeichnungen erkennen konnte. „Oje, das ist doch nicht etwa…“, sagte ich als ich meine Hand ausstreckte um den Zettel entgegenzunehmen. Sarah stellte sich neben mich um meine Reaktion abzuwarten während ich den Brief las.

„Lieber neuer Herr Bürgermeister,

wir würden uns sehr freuen wenn wir Sie zu unserem diesjährigen Weihnachtsfest in der New Andora Grundschule am 14. Dezember um 12:00 begrüßen dürfen. Für Unterhaltung und das leibliche Wohl ist gesorgt. Natürlich möchten wir Sie auch einladen eine etwa 5-minütige Rede über das vergangene Jahr und unsere Schule zu halten.

Wir bitte um kurze Rückmeldung!

Die Schüler und Lehrer der NAG“

Der Brief war zusätzlich mit unterschiedlicher weihnachtlicher Symbolik wie Sterne und Weihnachtsbäume verziert, welche, wie unschwer zu erkennen war, von den Schülern selbst gezeichnet wurden während der Text in einer schönen Schreibschrift, wahrscheinlich von der Direktorin, daherkam. Ich legte den Brief zur Seite und atmete kurz aus. „Sieht so aus als würde ich mich dieses Jahr nicht mehr davonschwindeln können, nicht wahr?“, sagte ich mit leichter Ironie und blickte zu Sarah. Es ist erst zwei Wochen her dass ich zum neuen Bürgermeister von New Andora gekürt wurde. Der Altbürgermeister und mein langjähriger Wegbegleiter Henry trat mit nunmehr 62 Jahren ab und wählte mich als seinen Nachfolger aus. Wie es dazu kam? Nun, eigentlich hatte ich nun schon seit über 10 Jahren ein ganz besonderes Verhältnis zu New Andora. Obwohl es nicht meine Heimatstadt war lebte ich seit der Zerstörung meiner ursprünglichen Heimat Suenoislet immer gut und mittlerweile auch gerne hier. Ein völlig unerwarteter und historisch einmaliger Vulkanausbruch sorgte damals dafür, dass das komplette Festland von Suenoislet mitsamt dem Großteil der Einwohner dem Erdboden gleichgemacht wurden. Darunter waren nicht nur fast alle meine Freunde, sondern auch meine Eltern. Wie durch ein Wunder haben meine Brüder Chris und Steffen es geschafft rechtzeitig von der Insel zu entkommen. Während Steffen sich auf einem der wenigen Schiffe befand die im letzten Moment von der von Lava überrannten Insel ablegten ist die Geschichte die Chris mir schon öfter erzählt hatte weit abenteuerlicher. Angeblich konnte er sich in einer Indiana Jones mäßigen Situation mit einem einfachen Ruderboot und einer vorteilhaften Meeresströmung selbst retten. Ob die Geschichte wirklich stimmt oder Chris durch den Schock über den Verlust unserer Heimat die Wahrheit etwas selektiver wahrgenommen hatte sei mal dahingestellt. Wie es meinen anderen beiden Brüdern, Flean und Devil erging ist bis heute leider ungeklärt. Immer wieder fanden wir in Atlantis vereinzelt Hinweise darüber, dass sie noch am Leben sein könnten, aber gefunden hatten wir sie nie.

Ich selbst habe leider, oder glücklicherweise keine solch heroische Geschichte über meine Flucht von der Insel zu berichten. Und zwar aus dem einfachen Grund dass ich mich zu dem Zeitpunkt des Ausbruchs in einem Jugendcamp in Freeja befand. Ich erfuhr damals relativ schnell von dem Vulkanausbruch, da Geschichten darüber in ganz Atlantis die Runde machten. Von einer Sekunde auf die andere stand ich ohne meine Heimat und, wie ich damals annahm, ohne meine Familie da. Völlig jeder Hoffnung beraubt saß ich abseits aller anderen Kinder in meinem Zelt und trauerte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Henry, der damals eigentlich nur zufällig in unserem Jugendcamp war weil er in seiner Rolle als Bürgermeister sehen wollte wie das Projekt vorangeht, hörte über die Betreuerinnen von mir uns kam ohne zu zögern in mein Zelt. Er setzte sich auf den Boden gegenüber von mir und hörte mir ganz konzentriert zu als ich meine Hoffnungslosigkeit vor ihm ausbreitete. Nach einiger Zeit stand er auf und meinte ich solle ihm folgen. Wir gingen aus dem Zelt ein paar Meter in Richtung des Anhangs der sich neben unserem Camp befand. „Siehst du das kleine verlassene Holzhaus etwas westlich von der großen Maitland Villa?“, fragte er während er seinen Zeigefinger in Richtung des Dorfes ausstreckte, welches in der Ferne zu sehen war. „Du sollst nicht aufgrund deines unverschuldeten Verlustes deiner Lebensgrundlage beraubt werden. Ich biete dir folgendes an: Du kannst dein Leben hier in diesem bescheidenen Häuschen in New Andora neu starten. Wir pflegen eine gute Gemeinschaft in unserem kleinen Städtchen. Ich bin mir sicher, dass dich die Leute gut aufnehmen werden und dir jederzeit helfen wenn du etwas brauchst. Nimm dir die Ruhe die du jetzt brauchst und melde dich bei mir wenn ich dir irgendwie weiterhelfen kann.“ Und so kam es. Ich bezog das Haus und integrierte mich relativ zügig in meiner neuen Heimat. Henry selbst wurde für diese selbstlose Aktion zu einem Helden unter den Bürgern dieses bescheidenen Städtchens. Um meiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen engagierte ich mich in jeder meiner freien Minuten für die Gemeinde. Ich half immer dort wo gerade Not am Mann war, egal ob bei der Vorbereitung von Festen, bei der Verschönerung des Stadtbildes oder bei einfachen Verwaltungsaufgaben. Relativ schnell bekam ich eine Festanstellung im Gemeindeamt und konnte die Miete für das Haus auf eigene Kosten begleichen, was mein Engagement für New Andora jedoch nicht lindern sollte. Für Henry wurde ich über die Jahre zu einer Art rechter Hand. Ich fühlte mich in der Rolle ziemlich wohl, sodass mich die Botschaft die er mir vor fast genau einem Jahr überbrachte vollkommen unerwartet aus den Socken gehauen hatte. „Du willst WAS?“, rief ich mit völlig gemischten Emotionen förmlich aus mir heraus als Henry mir das Siegel in die Hand drückte. „Du bist zwar nicht der Kandidat der die längste politische Erfahrung mit sich bringt, aber mit deinem Einsatz für die Stadt schlägst du die anderen um Längen“, erklärte mir Henry während er in meinem damaligen Büro ununterbrochen von einer Wandseite zur anderen wanderte. „Ich wäre sehr stolz darauf dich meinen Nachfolger nennen zu dürfen.“ – Und schwupp, wurde ich zum designierten Bürgermeister von New Andora. Vor knapp zwei Wochen wurde ich angelobt und stehe gefühlt immer noch völlig am Anfang, gerade in Momenten wie diesen wo sich wichtige externe Termine anbahnen.

„Du schafft das schon. Die Kinder achten da sowieso nicht drauf wer da vorne steht und wirre Sätze von sich gibt. Und die Eltern, naja, die sind sowieso schon neugierig wie sich der neue Bürgermeister denn so schlägt.“, sagte Sarah mit einem leicht hämischen Grinsen auf ihren Lippen. Ich atmete aus während ich mit bereits jetzt leicht aufkeimender Nervosität auf den Brief starrte. „Nun denn, Zeit die erste richtige Rede zu verfassen.“, sagte ich mit einer etwas erzwungenen Aufbruchsstimmung. Sarah drehte sich um und verließ mit den Worten „Viel Erfolg!“ den Raum. Ich schnappte mir einen leeren weißen Zettel von meinem Papierstapel. Nach meiner Antrittsrede die ich jedoch in Zusammenarbeit mit Henry verfasste, war dies meine erste richtige Rede in der Funktion als Bürgermeister. Es war nun also vorbei mit dem Fäden im Hintergrund ziehen, ich musste aus meinem gemütlichen Büro zu den Menschen hinaus. Knappe fünf Minuten saß ich an meinem Schreibtisch, die Füllfeder in der rechte Hand. Mir wollte nichts einfallen, woraufhin ich mich von meinem Stuhl erhob und zum Seitenfenster ging. Es war bereits dunkel geworden. Nebst dem immer noch andauernden dichten Schneefall fiel mir diesmal noch etwas andere in die Augen. Ein seltsames, glockenförmiges, schwarzes Etwas verdeckte beinahe die gesamte linke Hälfte des Fensters. Ich senkte meinen Kopf näher zum Fenster. „Was ist das?“, murmelte ich ganz leise vor mich hin. Es musste vom Dach kommen. Wurde durch eine Dachlawine etwa eine Plane oder ähnliches vom Dach runterbefördert? Ich öffnete das Fenster. Der Gegenstand war tiefschwarz, selbst das Licht welches von meinem Büro nach außen drang reflektierte nicht in dem Objekt. Plötzlich merkte ich was für ein starker Wind draußen weht, da sofort eine eiskalte Brise hereindrang und meine Haare nach hinten fegte. Ich wurde von dem Wind völlig überrascht, da sich das schwarze Etwas kein bisschen im Wind bewegte. War es also keine Plane? Was denn dann? Ich streckte meine rechte Hand dem eiskalten Wind entgegen um den Gegenstand zu ertasten. Es fühlte sich so an als würde ich in ein schwarzes Loch greifen. Trotz der voll ausgestreckten Hand machte ich keine Berührung. Ich ging einen Schritt näher. Meine Hand vernahm auf einmal eine seltsames Gefühl von Wärme. Was zum Teufel hing da vor meinem Fenster? Abrupt hörte der starke Wind auf und ich hielt inne. Das eiskalte Gefühl des Windes wurde nun völlig von der Wärme ersetzt. Es war ein pulsierendes Gefühl von Wärme. Ich schreckte zurück und zog meine Hand ein. Langsam adaptierten sich meine Augen an die Dunkelheit die draußen vorherrschte. In dem Moment konnte ich die Quelle der Wärme wahrnehmen. Ein immer wiederkehrender Luftstoß war vor dem schwarzen Etwas zu sehen. Genau bei meinem Fenster erlosch dieser. Ich hielt die Luft an und wusste nicht was ich machen sollte. War das etwa ein Tier? Ich blieb ungefähr 10 Sekunden lang stehen und musterte in einer absolut starren Haltung die Atemluft die wieder und wieder zu sehen war. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging schließlich einen Schritt näher. Stark zitternd bewegte ich meine Hand weiter aus dem Fenster. Das Gefühl der pulsierenden Wärme war wieder da. Ich streckte die Hand noch weiter aus. Für einen kurzen Moment ertastete ich die warme Oberfläche des vermeintlichen Tieres. Ruckartig schreckte das Tier zurück. Plötzlich ertönte ein lautes, langgezogenes „Nein!“ in einer hohen Kreischstimme. Ich erschrak so sehr dass ich blitzschnell meine Hand, mitsamt meinem restlichen Körper nach hinten bewegte. Aufgrund der unkontrollierten Bewegung fiel ich zu Boden. Es war eine Person, die völlig starr vor meinem Fenster stand und mich anstarrte! Die warme Oberfläche die ich erfühlt hatte war eine menschliches Gesicht. Mit dem Rücken am Boden liegend drückte ich mich prompt mit meinen Händen immer weiter weg vom Fenster, bis ich in der Mitte des Raumes angelangt war. Mein Blick wich nicht vom Fenster, welches ich aber aufgrund des Winkels nicht mehr so gut erkennen konnte. Ich hatte Angst davor, dass auf einmal Hände am Sims auftauchen würden. Regungslos blieb ich in der Mitte stehen, atmete schwer und blinzelte kaum. Kein Mucks war zu hören und der Fenstersims blieb leer. Nach einer halben Minute erhob ich langsam meine zittrigen Beinen um einen besseren Blick auf das Fenster zu bekommen. Es war weg. Die Person war nicht mehr zu sehen. Ich schlich mich näher an das Fenster heran und versuchte dabei über die Ecken der Außenwand zu spähen. Nichts. Als das Fenster nur noch eine Armlänge entfernt war, griff ich sofort zur Fensterklinke und schloss das Fenster so schnell es nur ging. Ich traute mich nicht hinauszuschauen. Ich zog beide Vorhänge zu und ging rückwärts auf meinen Schreibtisch zu, während ich weiter auf die eintönigen, grauen Vorhänge blickte. Jegliche Versuche mich mit dem Schreiben meiner Rede abzulenken waren für den restlichen Abend komplett umsonst. Mein Blick fiel alle paar Sekunden auf das Fenster. Meine Gedanken wurden so stark von Angstzuständen verdrängt, dass ich erst jetzt begann mir Fragen zu stellen. Wie ist es möglich, dass eine Person in den ersten Stock vor mein Fenster klettert? Wer war das? Wieso war diese Person komplett in schwarze Farbe gehüllt? Wieso reflektierte kein Licht? Wieso regte sie sich keinen Millimeter? Diese Fragen geisterten mir den ganzen restlichen Tag durch den Kopf. Geschlafen habe ich in dieser Nacht sowieso nicht.

Kapitel 2

„Das klingt jetzt wieder nach einer typischen Story von Anstrengenheitscosmo“, sagte Jack, sprach Jack in den Telefonhörer und stieß einen lauten Lacher aus. Es waren fast zwei Wochen vergangen als ich diesen gruseligen Vorfall im Rathaus hatte. Wobei, mittlerweile bin ich mir schon fast sicher dass ich einfach nur taggeträumt hatte. In den letzten Wochen habe ich es mit dem gesunden Schlafrhythmus nämlich nicht so genau genommen, da ich einen guten ersten Eindruck als Neubürgermeister machen wollte. Dass ich dabei aber einigen Kollegen im Rathaus von komischen schwarzen Gestalten vor meinem Fenster erzählt hatte, hat wohl nicht gerade positiv dazu beigetragen. Der Vorfall beschäftigte mich aber immer wieder und ich wollte mein Erlebnis einfach mal loswerden. So auch bei Jack, der mich gerade angerufen hatte um mich zur diesjährigen Weihnachtsfeier der Jasra Familie einzuladen. „Haha ja, da hast du wahrscheinlich Recht.“, entgegnete ich ihm und sah unterbewusst wieder an genau das Fenster. In diesem Moment beschloss ich meine Gedanken endlich von diesem ständigen Grübeln zu befreien, welches mich immer wieder beim Arbeiten behinderte. „Ich glaube ich hab einfach schlecht geschlafen.“, sprach ich in den Hörern und gleichzeitig zu mir selbst. „Ja? Vielleicht war es auch einfach nur ein großer Vogel oder irgendein Stück Müll welches durch die Luft flog“, antwortete Jack. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass irgendjemand so anstrengend ist, dass er in den ersten Stock eines Rathauses klettert nur um mal kurz durch das Fenster reinzuluschern.“ Während Jack redete ging ich mit dem Telefonkabel zum Fenster und zog den Vorhang wieder auf. Ich hatte ihn seit dem Vorfall aus Angst nicht mehr bewegt. Natürlich war dahinter bis auf die mittlerweile noch schneebedecktere Landschaft nichts nennenswertes zu sehen. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und grinste. „Oder das, ja. Egal, genug davon. Zu Weihnachten kannst du auf jeden Fall mit mir rechnen. Denkst du ich lasse mir entgehen wie Chris nach dem 10ten Bier wieder die Hosen runterlässt und auf das Dach vom Nebenhaus ka…“. „Oh Gott, erinnere mich bitte nicht daran.“, unterbrach mich Jack. „Der Besitzer von dem Haus wirft mir immer noch einen Todesblick zu wenn ich ihm mal zufällig über den Weg laufe. Ich musste so laut lachen dass ich mir eine Träne aus den Augen wischen musste während ich mich wieder auf meinen Bürostuhl setzte. Nach einem kurzen Moment setzte ich wieder zum Reden an: „Alles klar, ich muss dann auch. Heute Mittag ist die Schulweihnachtsfeier vom New Andora Gymnasium und ich musste dafür eine Rede schreiben. Nachdem ich die aber aufgrund meiner fortgeschrittenen Prokrastination erst gestern fertiggestellt hatte, muss ich den Text zu Hause noch etwa einstudieren. Wir sehen uns dann zu Weihnachten, ja?“. Jack antwortete prompt: „Alles klar Cosmo, bis bald und vergiss nie das Motto!“. Ich legte den Telefonhörer zurück auf den Apparat.

Mein Blick wandte sich auf den mittlerweile vollgeschrieben Papierzettel der die Rede für die Weihnachtsfeier enthielt. Nach einigen Revisionen war ich mittlerweile ziemlich zufrieden mit der Rede. Ich packte meine Jacke, die ich um um die Rückenlehne meines Stuhls gelegt hatte, zog die darin eingesteckte Wintermütze über meinen Kopf und nahm den Zettel an mich. Danach öffnete ich die große Tür am Ende meines Büros und betrat den Flur des ersten Stockes. Die Sonne blendete sehr stark aus dem Fenster am anderen Ende des Flurs herein. Überrascht zog ich meinen linken Jackenärmel etwas hoch und blickte auf meine Armbandhuhr. Es war bereits 10:00 Uhr, vor lauter Quasseln hatte ich die Zeit völlig übersehen. Ich eilte die alte Holztreppe nach unten und kam im Eingangsbereich des Rathauses an. Sarah saß am Schreibtisch hinter der Theke und blickte zu mir rüber. „Na, alles klar? Ich war mir gerade nicht sicher ob das vorhin ein Lacher oder Todesschrei war.“, sagte sie. Ich senkte mein Schritttempo und antwortete: „Vorhin war’s noch ein Lacher, jetzt nachdem ich gesehen habe wie spät es ist kann es aber auch gut sein dass ich unbewusst noch einen Schrei ausgestoßen habe. Aber apropos, wenn du dir nicht sicher bist ob ich mich nicht vielleicht gerade mit einem Todesschrei von dieser Welt verabschiede, wieso stürmst du dann nicht sofort hoch und rettest mich?“ Sie sah mich ganz verdutz an und sagte: „Also als ich das letzte Mal meinen Dienstvertrag gelesen habe stand da noch nichts von Leben retten drinnen. Ich bin nur hier um die Zetteln zu sortieren.“ Ich hob eine Augenbraue und schüttelte leicht den Kopf. „Darüber müssen wir heute am Nachmittag unbedingt noch reden. Ich muss jetzt jedenfalls los zum Gymnasium. Wenn ich zu spät komme, werden mich die Kinder noch mit Radiergummis bewerfen weil sie noch länger warten müssen bis sie heim dürfen und Nitendo spielen können.“ Sarah sah mich überrascht an und antwortete: „Oh stimmt, die ist ja heute. Na dann viel Erfolg, ich seh ja dann am Nachmittag ob du mit Farbklecksen beschmiert zurückkommst oder nicht.“ Ich öffnete die Eingangstür, hob dabei meine linke Hand zu einer Abschiedsgeste und ging nach draußen.

Ich wurde von der kalten Winterluft begrüßt, welche zu dieser Zeit des Tages jedoch recht angenehm war, da die Sonne vom wolkenlosen Himmel blendete. Ganz New Andora war von Schnee bedeckt. Über all den Gärten die vor dem Rathaus zu sehen waren, lag eine 20cm dicke Schneeschicht, die Straßen und Gehwege waren dank den Schneeraupen vom Schnee jedoch befreit. Der Gehweg vom Straßenrand zum Eingang des Rathauses, über den ich gerade ging, war von all den Fußspuren bereits flachgetrampelt. Ich schlitterte am Gehweg schnellen Schrittes entlang, um die 1,5km bis zu meinem Haus möglichst rasch zurückzulegen. Dabei passierte ich viele der recht altmodischen Gebäude. New Andora ist im Verhältnis zu den größeren Städten von Atlantis zwar höchstens eine Stadt mittlerer Größe, auf dem Kontinent Freeja ist sie aber mit Abstand die größte Stadt. Sowohl das Rathaus, als auch mein Haus befinden sich ziemlich im Zentrum der Stadt, welches vor ungefähr 500 Jahren von den ersten Siedlern Freejas erbaut wurde. In ganz Freeja bildeten sich noch weitere kleinere Ballungszentren, das Gebiet um New Andora hatte sich aber schnell als gesellschaftlicher Mittelpunkt des Kontinents herauskristallisiert. Besonders seit der Eröffnung des Flughafens an den Stadtgrenzen erfährt New Andora einen kräftigen Zuwachs an Unternehmen und Bewohnern mit einer anhaltenden Tendenz nach oben. Dies ist der Grund warum sich die Stadtgrenzen immer weiter ausdehnen und neue deutlich moderner gestaltete Bezirke am Rande der Stadt aus dem Boden schießen. Der alte Stadtkern in dem ich zu Hause bin wird seit einigen Jahren daher oft als Old Andora bezeichnet und wandelt sich immer mehr zu einer Art historischen Altstadt. Am Weg nach Hause begegnete ich sogar einigen Touristen welche sich vor der Statue des Großen Flux Bastians, dem ersten Siedler Freejas und gleichzeitig Wahrzeichen des Kontinents, fotografieren ließen. Außerdem kam ich am historischen Kino vorbei, welches als erstes Kino weltweit einen Tonfilm ausgestrahlt hatte.

Nach knapp 20 Minuten kam ich endlich zu Hause an. Ich zückte meinen Schlüssel aus der Hosentasche und sperrte die Wohnungstür sogleich auf. Eine angenehme Wärme drang aus meinem Haus, einer kleinen bescheidenen aus Holz bestehenden Bungalowwohnung. Innen war die Wohnung recht minimalistisch ausgestaltet. Der Vorraum war ein recht breiter Raum, in dem an der Wand ein langes Regal stand. Darauf befanden sich einige Bilderrahmen mit unterschiedlichen Bildern mit meiner Familie, Freunden und mir, am prominentesten standen jedoch zwei Fotos in der Mitte. Auf einem Bild waren Jack, Chris, Steffen und ich zu sehen welches uns in einem Caféhaus in Heela zeigt. Kurz davor hatten wir Steffen aus den Untiefen der Kanalisation in Heela befreit, wo er von irgendwelchen Gangstern entführt wurde. Ein anderes Bild zeigt Baigh, einen alten Kindheitsfreund, und mich auf dem Berghang hinter meinem Haus. Einige Jasras hatten damals für diesen Überraschungsgast gesorgt als sie mich besuchen kamen. Ich hing meine Jacke und Mütze auf einen der drei freien Haken welche gegenüber des Regals standen. Meine Schuhe packte ich neben das andere Schuhpaar, welches ebenfalls gegenüber des Regals stand. Ich zog die Ärmel meines schwarzblau karierten Hemdes hoch und betrat den Aufenthaltsraum dessen Tür neben dem Regal war. Dies war auch gleichzeitig der größte Raum meines Hauses. An der linken Seite befand sich der Essensbereich bestehend aus einer gepolsterten Eckbank und vier weiteren Stühlen. Die rechte Seite bestand aus einem Sofaeck, wo sich meine graue Wohnlandschaft, ein Glastisch und ein Stapel mit Magazinen und Büchern befand. In der Mitte war der Durchgang in den Flur welcher wiederum drei Türen enthielt: Eine führte in das Schlafzimmer, die Zweite in eine Abstellkammer und die Dritte in den Gästeraum. In der gegenüberliegenden Ecke des Aufenthaltsraums war eine in die Wand gebaute Küche zu sehen, auf der anderen Seite standen einige Kästen mit Alltagsgegenständen und einer Tür mit der man in das Badezimmer gelangte. Ich warf mich mitsamt dem Zettel auf die Wohnlandschaft und überflog den Text einige Male. Zwischendurch stand ich auf, ging in den Küchenbereich hinüber und kochte mir grünen Tee.

Mit dem subtilen Piepen der Wanduhr, welche mir ankündigte dass es 11:00 Uhr ist, hüpfte ich schließlich auf und ging in das Schlafzimmer um mich für die Veranstaltung passend zu kleiden. Ich ersetzte mein farbiges Hemd mit einem Weißen, zog mir Krawatte und Anzug an und ging zurück in den Aufenthaltsraum um mir den Zettel mit meiner Rede zu schnappen. Nachdem ich auch meine Jacke und Schuhe wieder angezogen hatte, verließ ich mein Haus und brach in Richtung Schule auf. Am Weg murmelte ich noch Teile der Rede vor mich hin um später möglichst textsicher zu sein. Nach ungefähr 15 Minuten Fußmarsch war ich schließlich angekommen. Das zweistöckige Schulgebäude war, egal wohin man schaute, bereits festlich geschmückt. Auf beinahe jedem Fenster klebten Malereien der Kinder, um das Eingangstor herum wurde eine bernsteinfarbene Lichterkette gelegt und nebst dem Eingangstor war ein ungefähr drei Meter großer, üppig geschmückter Weihnachtsbaum zu sehen. Es tummelten sich bereits um die 50 Personen im Vorgarten der Schule, ein Großteil davon Eltern welche auf den Beginn der Veranstaltung warteten. Immer wieder sah man Schüler aus dem Schulgebäude zu ihren Eltern herauslaufen, ein paar kurze Worte verlieren, und dann wieder panisch zurück hineinstürmen. Die letzten Vorbereitungen waren scheinbar noch im vollen Gange. Ich ging an den Eltern vorbei, blickte kurz hinüber und rief gezwungenermaßen „Guten Tag“. Dass ich jetzt halbfremde Menschen begrüßen muss um sicherzustellen dass am nächsten Tag nicht Gesprächsthema Nummer 1 ist wie unfreundlich und abgehoben der neue Bürgermeister doch sei, habe ich wohl nicht wirklich am Schirm gehabt als ich diesen Job angenommen hatte. „Naja, da werd ich schon noch reinwachsen .“, dachte ich mir beim Vorbeigehen. Ich betrat das Schulgebäude und ging über den sehr hoch gebauten Altbaugang zum Büro des Direktors. Die Tür stand offen, ich klopfte zweimal gegen den Türrahmen und ging langsam hinein.

„Ah, Cosmo! Schon hier?“, sagte der Direktor der Schule, Walt. Ich kannte ihn bereits durch diverse Veranstaltungen in den letzten Jahren und weil er gut mit Henry befreundet war.
„Nee, der fällt grad nen‘ Baum. Sag mal, wo ist denn jetzt eigentlich dieses Essen welches mir in der Einladung versprochen wurde?“ Ich versuchte meine immer größer werdende Nervosität zu überspielen.
„Das Buffet musst du dir erst verdienen.“ Walt musterte mich ab. Sein Blick blieb auf meiner rechten Hand hängen. „Was ist das denn? Sag bloß du brauchst einen Spickzettel für deine Rede? Die Kinder mussten auch all ihre Geschichten für heute auswendig lernen.“
„Ja genau, hämmert nur unnützes Wissen in ihre Köpfe rein. Bei der nächsten FREEJSA-Studie schneiden wir dann noch schlechter ab weil keiner mehr sinnerfassend lesen kann.“, sagte ich mit ironischem Unterton.
„Ach, jetzt wart mal ab, es hat sich schon gelohnt dass die ein paar Zeilen Text auswendig lernen. Ich habe für dieses Jahr nämlich eine ziemlich interessante alte Legende von Freeja ausgegraben. Die passt 1A zu Weihnachten und die Kinder waren ganz vereinnahmt als sie diese während der Vorbereitungszeit geübt haben. So hab ich die noch nie erlebt…“, antwortete Walt. „Ich hoffe, das ist nicht wieder diese Geschichte von der Anstrengenden Reise des Großen Flux Bastians die ihr vor zwei Jahren aufgeführt habt. Da sind die Leute reihenweise eingepennt vor lauter Langeweile.“, erklärte ich. Walt lachte und schüttelte den Kopf. Wir führten den Smalltalk noch ein paar Minuten fort bis wir schließlich gemeinsam in die Aula der Schule gingen, wo ein Großteil der Eltern und Schüler bereits Platz genommen hatte. Ich setzte mich in die Sitzreihe seitlich von der Bühne hin, wo sich bereits alle Personen befanden die an der Veranstaltung direkt involviert waren. Mein Blick wechselte permanent zwischen den sich stetig füllenden Bänken vor der Bühne und dem Zettel mit der Rede in meiner Hand. Nach einigen Minuten trat Henry schließlich aus dem beigen Vorhang der sich auf der Bühne befand hervor und die aufgeheiterte Stimmung im Saal legte sich. Henry hielt eine ganz klassische Eröffnungsrede in welcher er den Lehrern, Schülern und Eltern für das vergangene Jahr dankte und ihnen eine schöne Weihnachtszeit wünschte. Auf einmal blickte er in meine Richtung und erzählte: „Heute feiern wir auch noch eine weitere Premiere. Zum ersten Mal dürfen wir unseren neuen Bürgermeister, Herrn Cosmo Jasra, bei uns begrüßen! Cosmo, ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit und eine exzellente erste Rede die du uns gleich präsentieren wirst.“ Er setzte ab und klatschte. Auch das Publikum begann zu klatschen und ich nickte sowohl ihm als auch dem Publikum dankend zu. „Oje, jetzt werden hier auch noch große Erwartungen geschürt.“, dachte ich mir und setzte zum Aufstehen an um mich zur Bühne begeben. „Aber!“, rief Henry plötzlich und streckte seinen rechten Zeigefinger in die Höhe. „Zuerst möchten wir dich noch mit einer kleinen Überraschung offiziell bei uns in der Schule willkommen heißen.“ Sein Blick wandte sich auf eine Gruppe von drei Schülern die bereits an der Seitentreppe zur Bühne standen. Sie gingen langsam die Bühne hoch und stellten sich nebeneinander mittig hin. Es waren zwei Mädchen und ein Junge, der einen seltsamen grauen Umhang trug, der mich an die Kleidung von schwarzen Magiern erinnerte. Das Licht im Saal wurde abgedunkelt und ein auf die drei Kinder ausgerichtete Scheinwerfer ging an. Das links außenstehende Mädchen trat einen Schritt hervor und begann zu erzählen.

„Der Schatten Freejas. Eine von vielen Legenden über unseren Kontinent, und doch eine ganz besondere. Wir reisen 100 Jahre in die Vergangenheit, in das Esszimmer einer glücklichen Kleinfamilie. Es war Anfang Dezember. Mit großen Kulleraugen blickte der 5 jährige Sohn auf seinen Vater, der aus einem Buch las. Er erzählte die Geschichte vom Weihnachtsfest, von Rentieren, dem Weihnachtsmann und von wunderschönen Schneelandschaften. Am meisten fasziniert war der Junge jedoch als es um den Weihnachtsbaum ging. Der Vater zählte den gesamten Weihnachtsbaumschmuck auf: Lichterketten, Gebäck, Kerzen, Schleifen und dem großen Stern der an der Spitze des Baumes platziert wird. Der Junge sprang auf und jubelte enthusiastisch. Er wolle unbedingt einen solchen Weihnachtsbaum, mit all den verschiedenen Lichtern und den Süßigkeiten. Sein Vater legte das Buch zur Seite und nahm seinen Sohn in den Arm. „Ich verspreche dir, mein Junge, wir werden dieses Jahr den schönsten Weihnachtsbaum in unserem Garten stehen haben den du je gesehen hast.“ Sofort schnappte sich der Junge einen Zettel und zeichnete einen Weihnachtsbaum, mit all den Details die er sich wünschte. Sein Vater beobachtete ihn gespannt.“

Das Kind trat wieder zurück. Ich hörte der Geschichte gespannt zu, da ich sie selbst noch gar nicht kannte. Eigentlich hatten wir in der Schule all die wichtigen Legenden von Freeja durchgenommen, aber diese sagt mir gar nichts. Das Mädchen in der Mitte trat hervor. „Als der Junge den Baum fertig gezeichnet hatte, nahm der Vater den Zettel an sich und zeichnete 24 gleichmäßige Quadrate unter den Baum. „Ab heute darfst du jeden Tag eines der Kästchen ausmalen. Wenn sie alle ausgemalt sind, dann ist es soweit. Dann stellt dir der Weihnachtsmann genau diesen wunderschönen Weihnachtsbaum in den Garten vor deinem Fenster.“ Die Tage vergingen, die ausgemalten Kästchen wurden immer mehr, die Aufregung des Jungen stieg unaufhörlich. Es waren bereits 23 Tage vergangen, nur noch ein einziges Kästchen war unberührt. Der Junge legte sich früh schlafen um den Weihnachtsbaum am frühen Morgen bereits bestaunen zu können. Seine Eltern waren indes an der intensiven Vorbereitung. Sie stellten eine Tanne in den Garten, sodass sie vom Kinderzimmer aus gut sichtbar war. Sie hängten all die Weihnachtsdekoration auf den Baum, welche sie ihrem Kind versprochen hatten. Während sie sich vom Stamm des Baumes zur Spitze hocharbeiteten fiel ihnen jedoch etwas auf: Sie hatten den Stern vergessen. Beide eilten zurück zum Weihnachtsmarkt in der nahegelegenen Stadt New Andora um nach einem Stern zu suchen.“. Auch das zweite Mädchen trat nun zurück. Das Scheinwerferlicht wurde nun abgedunkelt und der rechts außenstehende Junge mit dem grauen Umhang trat hervor. Er schwieg für ein paar Sekunden und fing dann an zu erzählen. Im ganzen Saal war es mittlerweile mucksmäuschenstill geworden.

„Das Sonnenlicht vom Morgen strahlte bereits vom Horizont in mein Zimmer herein. Der Tag war gekommen. Ohne zu zögern nahm ich den Zettel von meinem Nachttisch und malte das 24ste Kästchen aus. Endlich war es soweit, alle Kästchen waren ausgemalt, heute ist der Tag an dem ich den Weihnachtsbaum bekomme. Ich legte die Decke zur Seite und stand auf. Ich ging zum Fenster und war überrascht und erfreut als ich den Weihnachtsbaum im Garten sah. Er war wunderschön geschmückt, aber er leuchtete nicht. „Naja, wahrscheinlich ist es einfach noch zu hell draußen und er leuchtet erst in der Nacht.“, dachte ich mir und ging vom Fenster weg. Ich ging von meinem Zimmer aus in das Esszimmer. „Mutter? Vater?“, rief ich. Keine Antwort. Sie waren wohl einkaufen oder spazieren. Ich setze mich auf meinen Platz am Tisch und wartete bis sie wieder zurück kamen. Immerhin musste ich ihnen von dem Weihnachtsbaum erzählen der in unserem Garten steht. Die Zeit verging. Eine Stunde, zwei Stunden, vier Stunden. Mir wurde immer kälter, da niemand zu Hause war der den Ofen einheizen konnte. Wo waren meine Eltern? Ich redete mir ein dass sie wahrscheinlich einfach nur dem Weihnachtsmann helfen mussten und legte mich zurück in mein Bett wo es wärmer war. Immer wieder stand ich auf und blickte auf den Weihnachtsbaum. Die Stunden vergingen weiter, es wurde langsam dunkler. Die Sorge um meine Eltern tröstete ich damit, dass der Weihnachtsbaum ja bald leuchten würde weil es dunkel wird. Doch es wurde nicht nur immer dunkler, sondern auch immer kälter. Das einzige was sich nicht änderte war das Fehlen meiner Eltern und das fehlende Licht vom Weihnachtsbaum. Ich bekam immer mehr Angst, weil es langsam so dunkel war dass ich nichts mehr sah. Ich ging mit meiner schwarzen Decke zum Fenster, zog sie mir wie einen Umhang um den Kopf und blickte starr auf den Weihnachtsbaum vor dem Fenster, in der Hoffnung dass er endlich aufleuchten würde. Es war bereits so kalt, dass ich meinen warmen Atem vor meinem Gesicht sehen konnte. Die Zeit verging weiter. Irgendwann war es so dunkel, dass ich nichtmal mehr mein Gesicht in der Reflexion vom Fenster erkennen konnte.“.

Ich hörte ganz gebannt zu, bis mir plötzlich ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Die Bilder von Anfang Dezember schossen mir wie ein Geistesblitz wieder durch den Kopf: Dunkelheit, Fenster, schwarzer Umhang, kein Gesicht, warmer Atem. Von einer Sekunde auf die andere wurde mir schwarz vor den Augen. Es war der Junge aus der Geschichte den ich am 1. Dezember am Fenster von meinem Büro gesehen hatte! Unbewusst ließ den Zettel mit meiner Rede fallen und lief kreidebleich an. Fred, der mittlerweile neben mir Platz genommen hatte sah mich an während der Junge auf der Bühne immer noch weitererzählte. „Alles in Ordnung?“, fragte er mich als er seine Hand auf meine Schulter legte. Meine Gedanken waren aber mittlerweile ganz wo anders. Was hat diese Geschichte mit mir zu tun? Wie ist das alles möglich? Völlig ferngesteuert sprang ich auf und blickte mich um bis ich den Ausgang in der Dunkelheit des Saales erkennen konnte. „Ich muss weg.“, wimmerte ich zu Fred und lief sogleich in Richtung des Ausgangs. Alles um mich herum hatte ich in diesem Moment vergessen, das einzige was in meinem Kopf herumschwirrte waren diese Fragen.